Bond Compass Q2 2022

PriceStats® Analyse: Von schlecht zu schlimm

Ein Blick auf vierteljährliche Inflationsmessungen, die auf den Preisen von Millionen von Artikeln basieren, die von Online-Händlern verkauft werden, um Anlegern zu helfen, die Auswirkungen der Inflation zu antizipieren und zu bewerten.


Q2 2022


Die ersten einhundert Tage von 2022 brachten keine guten Nachrichten für alle, die für dieses Jahr auf einen anderen Inflationstrend gehofft hatten. Schuld daran sind zum Teil – aber nicht nur – die Auswirkungen des Russland-Ukraine-Kriegs und dessen Folgewirkungen auf die Rohstoffmärkte, besonders jedoch auf den Ölmarkt.

Die täglichen PriceStats-Inflationskennzahlen zeigen einen deutlichen Wendepunkt im US-Preistrend Anfang März: Als scharfe Sanktionen gegen Russland verhängt und die höheren Ölpreise schnell über die Benzinpreise an die Verbraucher weitergegeben wurden. Die rasante Preisbeschleunigung war von relativ kurzer Dauer und hielt nur gut zwei Wochen an. Aber der inflationäre Schaden war damit angerichtet.

Die Preiszuwächse pendeln sich nun wieder auf den Vorkriegstrend ein, was jedoch nicht sehr beruhigend ist. Vor dem Krieg war der Inflationstrend 2022 einerseits eine Fortsetzung der Entwicklung von 2021 mit dem höchsten Inflationsniveau in Jahrzehnten und andererseits ein deutlich über der durchschnittlichen Inflationsentwicklung der letzten zehn Jahre liegender Trend. Kurzum: Der Russland-Ukraine-Krieg hat dem Preisniveau zwar einen kurzen und drastischen Schock von über 1 % versetzt, damit wurde allerdings nur eine Inflationsentwicklung befeuert, die bereits ähnlich besorgniserregend wie das letztjährige Inflationsnarrativ war.

Wenn wir davon ausgehen, dass PriceStats zu seinem normalen saisonalen Verlauf zurückkehrt, wird die jährliche Inflationsrate in der letzten Dezemberwoche wieder unter 3 % und Ende März 2023 wieder bei 2,3 % liegen –- ein klarer Trend, der für eine transitorische Inflation spricht. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass PriceStats in 17 aufeinanderfolgenden Monaten, einschließlich September, monatliche Inflationswerte in oder über dem Durchschnitt ermittelt hat. Die jüngsten monatlichen Zuwächse liegen zwar näher an den historischen Durchschnittswerten, doch je länger diese Serie überdurchschnittlicher monatlicher Messwerte anhält, desto weniger glaubwürdig wird das Narrativ einer vorübergehenden Inflationsentwicklung. Dies gilt selbst dann, wenn die jährliche Inflationsrate zu sinken beginnt, was in den nächsten sechs Monaten fast unvermeidlich sein wird.

USA: Wendepunkt durch den Russland-Ukraine-Krieg

US: The Russian-Ukraine War Inflection Point

Das Dilemma der EZB: Steigende Inflation und Inflationserwartungen

Für die Europäische Zentralbank (EZB) stellen der Krieg in der Ukraine und seine Folgen für die globale Inflation ein besonderes Dilemma dar. Das liegt nicht nur an der geografischen Nähe oder den Übertragungslinien, die entlang der russischen Öl- und Gaspipelines in die Eurozone verlaufen. Im Gegensatz zur US-Notenbank (Fed), die vor dem Krieg hart gegen die Inflationsangst anging, hielt die EZB an ihrer Prognose fest, dass die Inflation in der Eurozone transitorisch sei. Zum Ende des letzten Jahres hin stützte PriceStats diese Idee zwar ein wenig, als die Inflationsrate in der Eurozone zu sinken begann, doch im ersten Quartal wurde die Veränderungsrate der Inflation wieder positiv und ist seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine sprunghaft gestiegen. Dies ist zwar teilweise auf die Energiepreise zurückzuführen, doch es muss darauf hingewiesen werden, dass die Inflationserwartungen am Markt, selbst die 5-Jahres-Forward-Rate, gleichzeitig zu steigen begannen. Das bedeutet, dass die Märkte weniger von der Annahme der EZB überzeugt sind, die Inflation sei transitorisch und würde schnell wieder fallen. Deswegen spricht die EZB jetzt ernsthafter über eine potenzielle Straffung der geldpolitischen Zügel in diesem Jahr, was jedoch dadurch erschwert wird, dass die Wachstumsprognose gleichzeitig einschneidend nach unten korrigiert wird.

Eurozone: PriceStats vs. Inflationserwartungen für die Eurozone

Eurozone: PriceStats vs. Euro Inflation Expectations

Aufkommende Inflationsprobleme

Ähnlich wie in Industrieländern wurden auch die Hoffnungen, dass die Inflation in den Schwellenländern im ersten Quartal ihren oberen Wendepunkt erreicht, zunichte gemacht. Unser Index für die Gesamtinflation in den Schwellenländern hat jetzt einen Sprung auf mehr als 15 % zum Vorjahr gemacht und die jährlichen Inflationsraten der meisten Länder befinden sich auf oder nahe ihrer Höchststände seit Beginn unserer PriceStats-Reihen (das liegt in den meisten Fällen mehr als 10 Jahre zurück). Und das Schlimmste steht womöglich noch bevor. Die Inflation der Benzinpreise in den Schwellenländern hat zwar mit knapp über 30 % (zum Vorjahr) ihren oberen Wendepunkt erreicht, doch die Teuerungsrate bei Nahrungsmitteln, die bereits vor dem Russland-Ukraine-Krieg auf einem Zehnjahreshoch lag, hat dabei noch gar nicht auf die drastischen Preisanstiege bei einigen Nahrungsmitteln, vor allem jedoch Weizen, reagiert. Die einzig gute Nachricht ist, dass die meisten Zentralbanken in den Schwellenländern ihre Straffungszyklen im letzten Jahr bereits begonnen und in einigen Fällen sogar schon abgeschlossen hatten, d. h., einige sind der Inflationsentwicklung einen Schritt voraus. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Inflation als Politikum demnächst verschwinden wird. Sollten auch die Lebensmittelpreise für Verbraucher wieder anzuziehen beginnen, könnte die Inflation in den Schwellenländern noch zu beträchtlichen Problemen führen.

Schwellenländer: Reaktion der Verbraucherpreise für Lebensmittel steht noch aus

EM: Consumer Food Price Yet to Respond

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