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Wahlnacht ohne Sieger: Was wir aus Florida 2000 lernen können

Eine Wahlnacht ohne klaren Sieger? Dieses Szenario ist nicht unrealistisch. Matthew Bartolini über die Hintergründe und wie sich Anleger vorbereiten können.

Head of SPDR Americas Research

An historischen Analysen zur Ertragsentwicklung unter verschiedenen Präsidenten und Kongressen kommt man im US-Wahlkampf genauso wenig vorbei wie an Wahlwerbung. Während Letztere aber wenigstens noch einen Zweck für die Kandidaten erfüllt, liefern die Ertragsanalysen eher nette Anekdoten denn wissenschaftliche Erkenntnisse von statistischer Signifikanz.1

Analysen sind zwar interessant, lassen jedoch kaum Rückschlüsse auf die Zukunft zu – insbesondere nicht, wenn das Rennen so knapp ist, wie es in diesem Jahr zu werden verspricht. Doch aus einer ganz bestimmten Wahl lassen sich unter Umständen doch Rückschlüsse ziehen: Florida 2000.2

Droht ein Déjà-vu?

Für diejenigen, die es nicht mehr so genau wissen oder damals noch nicht eingeschult waren: 2000 stand das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl erst 36 Tage später fest, da die über Lochkarten abgegebenen Stimmen im Bundesstaat Florida neu ausgezählt werden mussten. Die Wahl beschäftigte damals nicht nur die öffentliche Meinung, sondern sogar den Obersten Gerichtshof, der nach zahlreichen Anträgen, Eingaben und Verfügungen zugunsten von George W. Bush entschied. Der ehemalige Vizepräsident Al Gore erkannte am 13. Dezember die Entscheidung in einer Fernsehansprache an.

Erleben wir nun ein Déjà-vu? Unter anderem angesichts der logistischen Herausforderung eines Urnengangs inmitten einer Pandemie könnte das endgültige Wahlergebnis auch diesmal auf sich warten lassen. Zum einen könnten heuer erstmals mehr Stimmen per Briefwahl abgegeben werden als im Wahllokal. Schätzungen zufolge werden nach 22 % bei den Wahlen 20163  in diesem Jahr 64 % aller Stimmen auf die Briefwahl entfallen4.

Zum anderen ist nicht einheitlich geregelt, bis wann die Briefwahlunterlagen im Wahllokal eingegangen sein müssen, um noch gezählt zu werden. In manchen Bundesstaaten ist der Stichtag der Wahltag selbst, in anderen reicht der Versand am Wahltag aus (Poststempel).5  Die US-amerikanische Post (USPS) hat vor diesem Hintergrund bereits verlauten lassen, dass in 46 Bundesstaaten sowie im District of Columbia per Briefwahl abgegebene Stimmen unter Umständen nicht rechtzeitig zur Auszählung zugestellt werden können.6  Nachdem bei USPS Sortiermaschinen ausgemustert wurden, hat die Post 10 % ihrer Kapazitäten eingebüßt.7  Wegen des Betriebszustandes der Post wurde im Hinblick auf die Wahl 2020 bereits eine erste Klage angestrengt8  und bei einem knappen Wahlergebnis dürfte es nicht die letzte gewesen sein.

Die Stunde der Briefwahl

Ob im Wahllokal oder per Brief gewählt wird, hängt auch vom Parteibuch ab. So wurden 26 % der Anträge auf Briefwahl von Republikanern gestellt, 43 % von Demokraten.9  66 % der Republikaner wollen im Wahllokal wählen, aber nur 26 % der Demokraten, wie eine Untersuchung des Wall Street Journal und NBC News gezeigt hat. Angesichts dessen ist davon auszugehen, dass am Wahlabend selbst nur Teilergebnisse verkündet werden können und der neue Präsident erst mit einiger Verspätung feststehen wird. Da die im Wahllokal abgegebenen Stimmen schneller ausgezählt sein dürften als die per Briefwahl eingegangenen, werden die ersten Ergebnisse am Wahlabend wohl auf eine zweite Amtszeit von Donald Trump hindeuten. In diesem Fall könnten sich die Märkte in Richtung jener Anlagen bewegen, die von seiner Wiederwahl profitieren würden.

Doch wenn der Großteil der Stimmen per Briefwahl abgegeben wird – was wahrscheinlich scheint –, dürfte nur in wenigen Staaten bereits am Wahlabend der Sieger sicher feststehen. Manchen Schätzungen zufolge könnte es bis zu zwei Wochen dauern, bis alle Stimmen gezählt sind.10  Am Wahlabend könnte es daher zu reflexartigen Reaktionen kommen, wenn nach und nach neue Erkenntnisse und Ergebnisse bekannt werden. Die Volatilität könnte also ansteigen, obwohl größere Ausschläge bereits erwartet werden.11

Und wie reagieren welche Anlagen, wenn sich die Stimmauszählung tatsächlich hinzieht? Trotz der sehr kleinen Stichprobengröße von nur einem Zeitraum könnte die Wertentwicklung 2000 einen ersten Anhaltspunkt liefern.

Im Jahr 2000 gaben risikobehaftete Anlagen durch die Bank nach (siehe untenstehende Grafik), ganz gleich ob große oder kleine US-Aktien oder Nicht-US-Aktien. Die stärksten Einbußen verzeichneten Aktien mit geringer Marktkapitalisierung: Sie verloren in den 36 Tagen der Unsicherheit über 7 %, zeitweise lag der Verlust sogar im zweistelligen Bereich.

Source: Bloomberg Finance L.P. as of September 18, 2020. Past performance is not a guarantee of future results.  Index returns are unmanaged and do not include fees.

Defensivere Anlagen, die weniger stark mit dem Aktienmarkt korrelieren, entwickelten sich jedoch recht gut. Der Gesamtmarkt für US-Kernanleihen zog an (siehe untenstehende Grafik). Die Rallye war jedoch in erster Linie auf US-Staatsanleihen, insbesondere langfristige, zurückzuführen. Unternehmensanleihen hingegen entwickelten sich unterdurchschnittlich. Gold – ein weiterer Defensivwert – stieg um fast 2 % und entwickelte sich somit ebenfalls gut. Bereits diese Analyse zeigt, dass in diesen politisch unsicheren Zeiten defensive Anlagen gefragt waren.

Source: Bloomberg Finance L.P. as of September 18, 2020. Past performance is not a guarantee of future results. Index returns are unmanaged and do not include fees. Core Agg bonds: Bloomberg Barclays US Aggregate Bond Index, US Treasuries: Bloomberg Barclays US Treasury Index, Long-term treasuries: Bloomberg Barclays US Long Treasury Index, Gold: LBMA Gold Price, US High Yield: Bloomberg Barclays US Corporate High Yield Index.

Selbst unter den Aktientiteln waren defensive Werte besonders gefragt. Die Entwicklung der Risikobereitschaft der Anleger lässt sich gut an quantitativen, faktorbasierten Körben (Titel mit geringer bzw. hoher Volatilität, geringer bzw. hoher Qualität) ablesen. Die auf geringe Volatilität und hohe Qualität ausgerichteten Körbe entwickelten sich um 15,6 % bzw. 8,2 % und damit deutlich besser als ihre jeweiligen Pendants. Auch den Markt schlugen sie um 7,9 % bzw. 6,1 %.

Source: Bloomberg Finance L.P. as of September 18, 2020. Past performance is not a guarantee of future results. Index returns are unmanaged and do not include fees.

Positionierung für eine Wahlnacht ohne Ergebnis

Wer aus der historischen Ertragsentwicklung Rückschlüsse auf aktuelle Chancen im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen zu ziehen versucht, ist auch nicht besser als ein Sportjournalist, der vor einer Begegnung zweier Clubs die Ergebnisse der beiden Mannschaften der letzten 25 Jahre auswertet und glaubt, damit zu wissen, wer am nächsten Samstag das Spiel gewinnt. Nur weil die Erfolgsbilanz klar für einen Verein spricht, kann sich seit der letzten Begegnung viel getan haben. Neuer Trainer, neue Spieler, neues Stadion? Auch der Spielstil wird nicht der gleiche sein wie vor 25 Jahren.

Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass es 2020 zu ähnlichen Verzögerungen kommen wird wie 2000, recht hoch und einen genaueren Blick wert. Der Markt mag eben keine Unsicherheit – erst recht nicht bei der Frage nach dem nächsten Präsidenten der USA. Dieses Jahr wird die Unsicherheit noch durch die Frage nach der Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofs der USA verstärkt, sofern die Wahl wie schon 2000 dort entschieden wird. Seit dem Tod von Ruth Bader Ginsburg besteht der Supreme Court aus nur acht Richtern. Steht es unter diesen acht Richtern vier zu vier, gilt die Entscheidung der darunterliegenden Instanz. Auch wenn sehr bald mit der Nominierung eines neunten Richters zu rechnen ist: Im Durchschnitt braucht der Senat 67 Tage, um einen neuen Richter für den Obersten Gerichtshof zu bestätigen. Gewählt wird in 40 Tagen.12  Wird das Wahlergebnis vor Gericht angefochten, könnte der neue Richter das Zünglein an der Waage sein. Für den Markt würde das bedeuten, dass die Zeit der Unsicherheit nicht bereits nach 36 Tagen vorüber ist. Und anders als 2000 dürften diesmal nicht nur in einem Bundesstaat Zweifel am Ergebnis gehegt werden.

2000 zählten defensive Positionen wie langfristige US-Staatsanleihen, Gold sowie Titel mit niedriger Volatilität und hoher Qualität zu den großen Gewinnern der 36-tägigen Zitterpartie. Kann am 3. November kein Ergebnis verkündet werden, ist 2020 ein ähnliches Muster denkbar. Vor diesem Hintergrund könnte eine Anreicherung des Portfolios mit diesen risikoarmen Positionen sinnvoll sein, um sich für mögliche negative Ertragsauswirkungen der Wahlnacht zu wappnen.

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