Einblicke

Klimarisiken und Klimareporting

Seit dem vergangenen Jahr stehen Klimarisiken bei uns noch stärker im Fokus. Im Zuge unserer Engagements mit verschiedenen Unternehmen haben wir allerdings festgestellt, dass es zwar Fortschritte zu verzeichnen gibt, diese jedoch nicht in einem angemessenen Verhältnis zum Risiko stehen.

Mit unserem neuen jährlichen Klima-Stewardship-Review und einem Web-Hub zum Thema Klima-Stewardship haben wir unsere Berichterstattung weiter verbessert. Zudem sind wir seit dem vergangenen Jahr Unterzeichner der „Climate Action 100+“-Initiative und haben unser umfangreiches Engagement-Programm zu Klimarisiken fortgeführt.


Engagementthemen

  • Strategien zum Klimawandel
  • Governance im Vorstand und Klimaüberwachung
  • Übergangsrisiken
  • Qualität der Klimaberichterstattung und -diskussion
  • Strategien zum CO2-Emissionsmanagement
  • Investitionen in Technologie
  • Politische Gespräche
  • Offenlegung von Klimarisiken
  • Klimabezogene Lobbying-Aktivitäten

Engagements

148


Abb. 1: Jährliche Klima-Engagements

Engagement-Statistik

Im vergangenen Jahr haben wir mit 148 Unternehmen in verschiedenen Branchen gesprochen, um zu verstehen, wie sie mit physischen Klimarisiken und Übergangsrisiken umgehen.

Bereits seit 2014 diskutieren wir mit Unternehmen über den Klimawandel und konnten seitdem über 630 klimabezogene Engagementaktivitäten in unterschiedlichen Branchen und Märkten verzeichnen.

Mehr Flexibilität in Leitungsgremien erforderlich Im Rahmen unserer Engagements haben wir festgestellt, dass zwar Fortschritte bei der Steuerung von Klimarisiken gemacht werden – aber nicht schnell genug. Daher halten wir es für wichtig, dass die Vorstände und Verwaltungsräte anpassungsfähiger werden, um sowohl Klimarisiken als auch -chancen angemessen steuern zu können.

Unser anhaltender Fokus

Der Klimawandel wird weiterhin ganz vorne auf unserer Agenda stehen, bis wir sicher sind, dass unsere Portfoliounternehmen das Problem effektiv angehen. In diesem Jahr werden wir uns auf Unternehmen konzentrieren, für die Übergangsrisiken von besonderer Relevanz sind. Darüber hinaus werden wir unser laufendes Engagement mit Unternehmen in anderen Sektoren aufrechterhalten, die zwar nicht CO2-intensiv sind, aber dennoch Risiken wie den physischen Auswirkungen des Klimawandels ausgesetzt sind.

Wir sind der Meinung, dass durch die Coronakrise tiefgreifende Veränderungen noch wichtiger geworden sind, da sich nur so der Klimawandel verlangsamen lässt. Es zeigt sich, wie wichtig Vorbereitung und wie teuer eine langsame Umsetzung ist.

Neues Berichtswesen und Klima-Stewardship-Hub Im Jahr 2020 haben wir einen jährlichen Klima-Stewardship-Review ins Leben gerufen, den wir in unseren regelmäßigen Berichtszyklus einbinden werden. Der Review wird Kontext zu unserem Klima-Stewardship-Ansatz liefern, Einblicke in unser klimabezogenes Engagement gewähren und Klimatrends identifizieren.

Zudem haben wir eine eigene Webseite zum Klima-Stewardship lanciert, auf der die aktuellsten Informationen zu unserer Vordenkerposition und unseren Ansichten zum Klimawandel zu finden sind.

„Climate Action 100+“ Darüber hinaus sind wir nun auch Unterzeichner der „Climate Action 100+“-Initiative und freuen uns darauf, unsere Erfahrungen und Erkenntnisse zum Thema Klima-Stewardship mit den anderen Mitgliedern zu teilen.

Abstimmungsverhalten bei klimabezogenen Aktionärsanträgen Die Anzahl der eingereichten klimabezogenen Aktionärsanträge ist 2020 in unseren Portfoliounternehmen signifikant gestiegen (insgesamt 58, 2019: 47). Abbildung 2 zeigt unsere Stimmen in der jeweiligen Kategorie klimabezogener Aktionärsanträge.

Im Einklang mit unseren oben genannten Ansichten zur Klimaberichterstattung haben wir im Jahr 2020 50 % der Aktionärsanträge unterstützt, in denen ein Berichtswesen zu den finanziellen und physischen Risiken des Klimawandels für das Geschäft der jeweiligen Unternehmen sowie zu den Plänen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen gefordert wurde. Darüber hinaus haben wir 66 % der klimabezogenen Lobbying-Anträge unterstützt.

Aktionärsanträge auf Ziele zur Reduktion von Treibhausgasemissionen haben wir nur bedingt unterstützt, denn die meisten Unternehmen, für die derartige Anträge eingebracht wurden, hatten sich bereits ehrgeizige Ziele gesetzt. Folgerichtig unterstützten wir 2020 nur 33 % dieser Anträge. Zum Vergleich: 2019 waren es 20 % gewesen, 2018 noch 45 %.

Wie aus Abbildung 2 ersichtlich, waren wir nicht grundsätzlich damit einverstanden, Unternehmen zu operativen Veränderungen wie einem Wechsel zu erneuerbarer Energie innerhalb einer bestimmten Frist oder der Trennung von Projekten, Geschäften oder Produkten zu verpflichten. Denn viele der von den Aktionären geforderten Maßnahmen erschienen uns zu restriktiv.

Wir überlassen unseren Portfoliounternehmen die Entscheidung, welche klimabezogenen Ziele sie für ihr Geschäft als angemessen erachten, werden die Einhaltung dieser Ziele aber kontinuierlich überwachen. Zudem werden wir unser Engagement aufrechterhalten, um sicherzustellen, dass das Thema Klima nachhaltig in langfristige Unternehmensstrategien eingebunden wird.

Abb. 2: Unterstützung von Klimaanträgen im Jahr 2020

CO2-intensive Sektoren: Unternehmen reagieren auf unsere Aufforderung zur Klimaberichterstattung

In den letzten Jahren haben immer weniger Unternehmen Anträge von Aktionären erhalten, in denen eine „Beurteilung der Portfolioauswirkungen geschäftlicher Entscheidungen zur Einhaltung des 2-Grad-Szenarios“ gefordert wurde. Mit solchen Anträgen fordern Investoren von Unternehmen aus CO2-intensiven Sektoren eine Berichterstattung darüber, wie ein Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft ihre Strategie, ihr Geschäft und ihre Vermögenswerte beeinflussen könnte. Nachdem es 2017 noch stolze 15 Anträge gewesen waren, wurden in der Hauptversammlungssaison 2020 zum ersten Mal keine Anträge zum 2-Grad-Szenario bei unseren Portfoliounternehmen eingereicht.

State Street Global Advisors war 2016 einer der ersten großen institutionellen Investoren, der solche Anträge unterstützte. Seitdem haben wir aktiv abgestimmt und unser Engagement ausgeweitet, um die Klimaberichterstattung mit unseren Emittenten in allen Sektoren zu verbessern, einschließlich der Öl- & Gasindustrie, dem Bergbau und den Versorgungsunternehmen, also typischen Kandidaten für 2-Grad-Anträge.

Infolge des Abstimmungsverhaltens, des Engagements und der Vordenkerposition langfristiger Investoren, einschließlich State Street Global Advisors, ist die Klimaberichterstattung unter der Maßgabe des 2-Grad-Szenarios zum Marktstandard geworden, wodurch Hauptversammlungsbeschlüsse zum 2-Grad-Ziel ihre Relevanz verloren haben.

Nach der HV-Saison 2019 hatten wir die Entwicklung solcher Offenlegungen im Zeitverlauf sowie nötige Verbesserungen untersucht. Die Ergebnisse sind unserer Veröffentlichung Climate-Related Disclosures in Oil and Gas, Mining, and Utilities: The Current State and Opportunities for Improvement zu entnehmen.

Vereinigte Staaten: Klimabezogene Lobbying-Anträge

Wie in unserem Stewardship-Activity-Report zum dritten Quartal 2019 erläutert, ist bei Aktionärsanträgen zu politischen Themen eine Weiterentwicklung zu beobachten: Lobbying und Klimawandel verschmelzen zusehends.

In diesen klimabezogenen Lobbying-Anträgen fordern Aktionäre, dass die Beteiligung von Unternehmen in Branchenverbänden vollumfänglich mit ihrer erklärten Positionierung zum Klimawandel konsistent sein müssen. Bei Abweichungen zwischen der Haltung eines Unternehmens zum Klima und der Einstellung des jeweiligen Branchenverbands wird die Aussetzung der Mitgliedschaft in solchen Organisationen gefordert.

Wir sind der Auffassung, dass Diskrepanzen zwischen der Klimapositionierung eines Unternehmens und den Aktivitäten seiner Branchenverbände Potenzial für Finanz- und Reputationsrisiken bergen. In den USA lässt die Offenlegungspraxis von Branchenverbänden unseres Erachtens grundsätzlich zu wünschen übrig – wenn überhaupt, legen nur wenige Unternehmen in diesem Markt offen, ob sie ihre eigene Positionierung zum Klimawandel mit der ihrer Branchenverbände vergleichen.

Wie erwartet ist in der HV-Saison 2020 in den USA erstmalig über solche klimabezogenen Lobbying-Anträge entschieden worden.

Abb. 3: Drei Unternehmen, bei denen klimabezogene Lobbying-Anträge eingereicht wurden, und unsere endgültiges Abstimmungsverhalten

 

Wir haben die bei Delta Air Lines, Inc. und United Airlines Holdings, Inc. eingereichten klimabezogenen Lobbying-Anträge unterstützt, da wir der Meinung sind, dass wir die relevanten Risiken durch eine zusätzliche Berichterstattung über die Vorgehensweisen beim Lobbying besser einschätzen können.

Die Offenlegung der Chevron Corporation zu ihrem Branchenverband hingegen ist nicht nur im Vergleich zur Peergroup in der Öl- & Gasindustrie, sondern auch im Vergleich zum breiteren US-Markt überdurchschnittlich gut. Gleichwohl fehlt eine Gap-Analyse, in der das Unternehmen seine erklärte Positionierung zum Klimawandel und die Positionierung seines Branchenverbandes vergleicht. Daher haben wir uns bei der Abstimmung des klimabezogenen Lobbying-Antrags in der Hauptversammlung 2020 enthalten.

Europa: Große Öl- & Gasgesellschaften wollen spätestens 2050 klimaneutral sein

Anfang 2020 gab es eine beispiellose Welle an großen europäischen Öl- und Gasunternehmen, die sich freiwillig ehrgeizige Klimaneutralitätsziele setzten; bei ihren US-Peers hingegen stehen solche Verpflichtungen noch aus.

Im Dezember 2019 verpflichtete sich die spanische Repsol S.A. als erstes Ölunternehmen zur Klimaneutralität bis spätestens 2050. Repsol hat nicht nur zugesichert, bei seinen direkten und indirekten betrieblichen Emissionen (Scope 1 und 2), sondern auch bei den indirekten Emissionen, die in der Wertschöpfungskette durch die Nutzung ihrer Produkte entstehen (Scope 3), klimaneutral zu werden. Nach dieser Ankündigung zogen weitere große europäische Öl- und Gasgesellschaften – u.a. Equinor ASA, Royal Dutch Shell plc, BP plc, Total SE und Lundin Energy AB – nach und verpflichteten sich zur Klimaneutralität ab 2050 (Lundin Energy AB bereits ab 2030). Die meisten Unternehmen haben Scope-3-Emissionen in ihren Klimaneutralitätsbemühungen berücksichtigt.

Wir glauben, dass solche Anstrengungen ein Meilenstein auf dem Weg zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft sind. Im Rahmen unseres Engagements möchten wir deshalb auch andere Öl- und Gasunternehmen dazu anhalten, sich dieser Verpflichtung anzuschließen.

Doch trotz unserer Unterstützung freiwilliger Scope-3-Emissionsziele ist uns auch bewusst, dass sich diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen befindet. Aus zahlreichen Gesprächen mit Öl- und Gasunternehmen wissen wir, dass die fehlende direkte Kontrolle und Schwierigkeiten bei der Beschaffung qualitativ hochwertiger Daten Scope-3-Ziele und ihre Offenlegung erschweren können.

So haben alle europäischen integrierten Öl- und Gasunternehmen mit Scope-3-Emissionszielen eigene Messgrößen entwickelt, was Investoren Vergleiche und den Unternehmen das Peergroup-Benchmarking erschwert. Um zu verstehen, wie unsere Portfoliounternehmen diese Herausforderungen meistern, werden wir das Thema weiter mit ihnen diskutieren.

Klimabezogene Aktionärsanträge bei Finanzinstituten

In den vergangenen Jahren waren die meisten klimabezogenen Anträge bei Energieunternehmen zu finden, die direkt CO2 ausstoßen. In der HV-Saison 2020 kristallisierte sich ein neuer Trend heraus: klimabezogene HV-Anträge (und Beschlüsse) bei Finanzinstituten.

Dieser Trend war nicht auf eine einzelne Region begrenzt, sondern weltweit zu beobachten. Einer der Gründe dieses neuen Interesses am Finanzwesen war eine Analyse der größten fossilen Brennstofffinanzierer aus dem Banking on Climate Chance Report, den das Rainforest Action Network erstmals 2018 veröffentlicht und 2020 aktualisiert hatte.

Abb. 4: Drei Finanzinstitute mit klimabezogenen Lobbying-Anträgen waren alle im Bericht enthalten

 

Bei der Analyse der obigen Anträge haben wir das Klimarisikomanagement dieser Unternehmen bedacht. Konkret basierten unsere Erwägungen auf den Finanzierungsentscheidungen für fossile Energieträger sowie auf den Verpflichtungen der Finanzinstitute zur Bekämpfung des Klimawandels.

 Bei JPMorgan Chase & Co. haben wir einen Aktionärsantrag unterstützt, in dem das Unternehmen aufgefordert wurde, offenzulegen, ob es – wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart – Pläne zur Reduktion von Treibhausgasemissionen im Zusammenhang mit der Kreditvergabe gibt und wenn ja, wie diese Pläne aussehen. Als langfristige Investoren würden wir weitere Informationen begrüßen. So interessiert uns, wie JPMorgan strategisch das Risiko von Klimarisiken senken will und wie seine Pläne aussehen, die betrieblichen sowie finanzierten Treibhausgasemissionen an den Zielen des Pariser Klimaabkommens auszurichten. Zwar wurde der Beschluss bei der Hauptversammlung des Unternehmens im Mai nicht verabschiedet, er erhielt aber immerhin eine 49%ige Zustimmung.

Bei der Mizuho Financial Group ging ein ähnlicher Aktionärsantrag ein, mit dem die Anteilseigner das Unternehmen aufforderten darzulegen, inwiefern die Geschäftsstrategie vorsieht, mit den unternehmenseigenen Investitionen die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen. Die Mizuho Financial Group hat sich zwar zum Pariser Abkommen bekannt, legt jedoch weder ihre Strategie noch Ziele zur Erreichung der Ziele offen. Daher haben wir diesen  Hauptversammlungsbeschluss unterstützt.

Auch bei der Hauptversammlung von Barclays plc fand eine durch Aktionäre angestoßene klimabezogene Abstimmung statt, mit der das Unternehmen zur allmählichen Aufgabe von Finanzdienstleistungen für Energie- und Versorgungsunternehmen gezwungen werden sollte, sofern diese Unternehmen sich nicht am Pariser Klimaabkommen orientieren. Auf die Gründe für unsere Enthaltung gehen wir in unserem jährlichen Stewardship-Bericht 2020 (im Abschnitt zu Engagement-Fallstudien) näher ein.